Gottfried Mayerhofer Familie - Gottfried Mayerhofer

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EHE UND FAMILIE

Bruder-, Nächsten- und Menschenliebe
in Bezug auf die Familie
Hier hast du drei Worte, die im ersten Anblick als geistiger Begriff eigentlich alle das Nämliche sagen, denn den Bruder aus der leiblichen Verwandtschaft sollt ihr nicht mehr lieben, als den Nächsten, und die Menschen im Allgemeinen sollt ihr lieben wie eure Brüder.
Das ist so, wie Ich es in Meinen Evangelium, von dem Samaritaner und von der Nächsten- und Bruderliebe bei mehreren Gelegenheiten gesagt habe.
Dass Ich diese drei Worte wählte, ist nicht um euch diese gleichbedeutende Liebe in allen drei Worten zu wiederholen, sondern um euch mehr daran zu erinnern, dass, obwohl zwischen allen drei Worten kein Unterschied in ihrer Auslegung und werktätigen Verwirklichung sein sollte, ihr leider Unterschiede macht, und das oft zu Meinem Missfallen sehr bedeutende, indem ihr eure Kinder, Brüder und Schwestern und sonstige Verwandte mit Wohltaten und Geschenken überhäuft, während ihr euren armen Menschenbruder, der an eure Türe klopft, mit einigen schönen Worten oder ein paar Pfennigen abfertigt.
Das ist der Grund, warum Ich diese Worte wählte, und Ich will euch dazu noch nebenbei beweisen, dass, wenn ihr bei euren Handlungen auf Dankbarkeit rechnen wollt, ihr eben bei den Verwandten im Allgemeinen weit weniger Anerkennung eurer Freundschaftsdienste finden werdet als bei ganz fremden Menschen.
Die Blutsverwandtschaft hat allerdings ein leichtes Band der Seelen, was die verschiedenen Abkömmlinge ein und desselben Familienhaupts geistig verbindet, und es war in den ältesten Zeiten das innigste, wahrste und aufrichtigste Band; allein die Zeiten und die Menschen haben sich geändert, und die jetzigen Menschen sind weit abgekommen von der Urquelle aller uninteressierten Liebe, mit der noch zu Adams Zeiten die Familien einander liebten, wo das Eigentum des einen auch Gemeingut für alle war.
Jetzt sind statt Herzensverhältnissen weltliche Interessenverhältnisse eingetreten, welche die Glieder einer Familie aneinander ketten oder trennen.
Seht nur die Töchter an, sie, für die ihre Eltern seit ihrem ersten Atemzug Ruhe und Glück aufgeopfert haben, um sie einst glücklich zu machen, wie belohnt nun häufig eine solche die oft und lange durchwachten Nächte einer Mutter? – Kaum reif verheiratet sie sich, wo sie mit ihrem Gefährten in neue Lebensverhältnisse tritt, da vergisst sie fast das väterliche Haus; die Liebe zu ihrem Mann und später zu ihren Kindern verdrängt alle die schönen Gefühle der Tochterliebe beinahe ganz, und wären nicht vielleicht manchmal Erbschaftsinteressen, manche Tochter würde in vielen Fällen ihre Mutter und ihren Vater gänzlich verleugnen und sich gebärden, als wenn sie selbe nie gekannt hätte.
Beim Sohn ist die Sache ebenfalls so, nur mit dem Unterschied, dass es bei ihm nicht die Liebe zu seinem Weib als mehr das Bewusstsein seiner Selbstständigkeit ist, welche ihm dann den Gedanken einflüstert, jetzt brauche ich meine Eltern nicht mehr! Das ist, wenn nicht künftig Erbschaften oder dergleichen ihn zu anderen Handlungen zwingen meistens die Denkungsart der Söhne, so wie Ich früher die der Töchter geschildert habe.
Nun frage ich aber, wer ist denn an allem diesem eigentlich schuld? – Seht, das sind die Eltern selbst, die ihren Kindern entweder mit schlechten Beispielen der Lieblosigkeit und des Undanks vorangegangen, oder ihren Kindern statt einer Herzenserziehung nur die oberflächliche weltliche gaben, sie eine Masse von Sachen erlernen ließen, die zwar den Kopf beschäftigen, aber das Herz kalt und leer ließen, oder als nicht für das Praktische und Seelenleben tauglich, später wieder vergessen wurden. Seht nun, eben solche Kinder, die von ihren Eltern so erzogen wurden, werden dann auch ihre Kinder so erziehen, und werden von ihren eigenen Kindern den Undank wieder zurückbezahlt erhalten, mit dem sie selbst ihren Eltern die durchwachten kummervollen Nächte und Sorgen vergolten haben.
Aus diesem Gesagten geht aber hervor, dass solche Kinder und Verwandte, die Geld- und Ranginteressen zusammengeführt haben wie der Herbstwind die Blätter von verschiedenen Bäumen zusammenweht, eben solche, die durch keine Bande der Liebe aneinander gebunden sind, und wegen ihrer sozialen Stellung in der Welt glauben, eher dazu berechtigt zu sein Wohltaten mit Undank zu lohnen als ein Freund oder ein fremder Bedrängter, dem ihr helfend wie ein Himmelsbote erscheint.
Der Letztere wird eure Tat stets im Andenken behalten, eurer stets segnend gedenken, während die Ersteren der Meinung sind, dass es wegen gleichem Namen und gleicher Abstammung, Pflicht und Schuldigkeit der Verwandtschaft ist, sie in Fällen der Not zu unterstützen, indem diese Verwandte mit ihren Unterstützungen nicht nur allein die Glieder ihrer Familie, sondern auch vor der Welt ihren eigenen Namen und Ehre gerettet haben.
So ist eure Bruder- und Schwesternliebe beschaffen, und wenige Beispiele werden sich als Ausnahme davon finden, im Gegenteil aber viele, wo nicht die Liebe, sondern, was zwischen solchen Verwandten nie stattfinden sollte, nur Neid und Rachsucht als Hauptgründe das Handeln bestimmen. Jetzt habt ihr ein Bild eurer sozialen Bruderliebe wie sie ist, wie sie aber nicht sein sollte.


Quelle: „Liebe, das Grundgesetz alles Lebens“, Neu-theosophische Schrift Nr. 38, Auszug aus der Kundgabe v. 23. Juli 1870


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