Gottfried Mayerhofer Der Kuss - Gottfried Mayerhofer

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EHE UND FAMILIE

Der Kuss
Seht, Meine lieben Kinder, dieses Zeichen der Liebe in verschiedenen Verhältnissen und Lagen des Lebens gebraucht ihr, und doch weiß keiner von euch, warum er gerade dieses Zeichen zum Ausdruck seiner Gefühle gewählt hat, und noch weniger, was es eigentlich ist, oder geistig bedeutet.
Nachdem dieses Zeichen der Liebe von der Wiege angefangen bis zum Grab in euer Leben verflochten ist, so will Ich euch über selbes einige Aufklärungen geben, woraus ihr erkennen mögt, wie viele geistige hohe Verrichtungen oft in einem einzigen Akt liegen, von dem ihr keine Idee und mit allem Nachdenken euch nicht die mindeste Rechenschaft geben könnt.
Um nun zur geistigen Bedeutung des Kusses zu kommen, so muss Ich beim Materiellen anfangen um euch zu zeigen, wie ihr auf materiellem Weg der Berührung Geistiges bewirken wollt, was natürlich nicht bleibend sein kann, und ebendeswegen dieser Akt des Kusses bei verschiedenen Verhältnissen auch oft wiederholt wird.
Nun zur Sache, ihr werdet schon öfters einen Polypen des Meeres gesehen haben, der mit seinen Armen seine Beute umstricken kann, und dann sich an selbe mit seinen Saugadern befestigt, wie er auch diese Saugadern braucht, um sich an Gegenständen festzusetzen und zu halten, und so der Gewalt der Meereswellen oder der Meeresströmung zu trotzen, oder wenn Gefahr droht, sich durch Anklammern mit mehreren Armen an einen festen Gegenstand dann mit den übrigen freien sich verteidigen zu können. Nun, was tut der Polyp mit seinen Saugadern, und wie sind diese gebaut, um seinem Zweck dienlich zu sein?
Seht, wir wollen bei dem Bau dieser Saugwerkzeuge vorerst anfangen. Sie bestehen aus einer Menge kleiner Luftpumpen, wodurch das Tier die Luft unter dem hohlen Raum der Saugwarzen aufsaugt, und dann durch den Druck der äußeren Luft oder des Wassers sich festhalten kann, und zwar mit größter Leichtigkeit und ohne Kraftanstrengung.
Die Aufgabe dieser Saugwarzen ist es also, die am anderen Gegenstand zunächst eingeschossene Luft herauszuziehen. Nachdem nun aber die Luft nebst ihren Bestandteilen auch dem anderen Körper zu seinem Fortbestand nötig ist, so entzieht der Polyp durch diesen Prozess dem anklebenden Körper etwas seines eigenen Lebensprinzips und macht sich selbes zu eigen.
Nun, was der Polyp mechanisch durch den Bau seiner Saugwarzen tut, das tut ihr Menschen alle bei dem Akt des Kusses, da bei euch ebenfalls der Mund wie eine Saugwarze zusammengezogen wird, dabei durch das Einziehen der Luft aber noch eine andere, ja zwei andere Substanzen in den Körper und seine Seele aufnimmt, erstens ein kleines Teilchen von fremdem Lebensmagnetismus, und einen anderen des seelischen Fluidums, welches bei solchen Momenten freier wird und sich anderen mitteilen kann.
Wie der Polyp sich wohler fühlt, wenn er durch seine Saugwarzen den gewollten Gegenstand fester an sich binden kann, so geht es auch dem Menschen, wenn er beim Akt des Küssens den anderen lebenden oder leblosen Körper näher an sich gerückt glaubt, wo dann nebst dem angenehmen Gefühl der äußerlichen Berührung noch der seelische Kontakt dazukommt, welcher der Seele des Küssenden eine Ahnung von dauernder Vereinigung gibt, die leider auf dieser Erde und mit diesem schweren Körper nicht bewerkstelligt werden kann, bis einst feinere Elemente eure Umhüllung sein werden, wo das Ineinanderfließen zweier Seelen beim Kuss deutlicher und länger gefühlt werden kann.
Dass der Kuss auch bis zur sinnlichen Wollust reicht, ist natürlich, weil auch hinter diesem Akt ein noch höherer, geistiger stets verborgen liegt, der von wenigen gekannt und begriffen wird.
Die Liebe, dieses allumfassende Band, welches Meine ganze Schöpfung zusammenhält und sie durchströmt, eben diese Liebe ist in ihren höchsten Momenten sprachlos; Töne, Worte, ja selbst Blicke, wenngleich aus liebestrahlenden Augen, sind zu wenig um das auszudrücken, was die Liebe dem geliebten Gegenstand sagen will, es drängt zur Berührung, um durch selbe ein Ineinanderfließen zweier Seelen zu bewirken.
Hier ist es der Kuss, der durch festes Anheften der Lippen den geliebten Gegenstand ewig an sich heften möchte, wo die Seele in dieser Berührung ihr ganzes Ich dem anderen geliebten Gegenstand ganz geben möchte, um von ihm sein eigenes auch ganz wieder dafür zu erhalten.
Der Kuss ist einer von jenen Momenten, wo zwei Seelen sich als eins fühlen, wenn gleich nur auf Augenblicke, und wo keine Sprache Ausdrücke besitzt, das zu sagen, was man beim Kuss fühlt. Es ist einer jener Momente, da die Seele sich über ihre gebrechliche weltliche Natur erheben möchte, allein, leider nur auf kurze Dauer ausführbar, diese Berührung wieder lassen muss, um später sie von Neuem zu bewerkstelligen.
So ist das geistige Band der Seelenverwandtschaften, das Gleiches mit Gleichem verbindet, welches durch Meine ganze Schöpfung zieht, den Wesen je nach ihren geistig individuellen Stellungen oft leise Ahnungen einer höheren Welt zuteilwerden lässt, auf dass sie sich nicht zu sehr im Schlamm der Materie verlieren sollten.
Der Kuss, eine einfache Berührung der Lippen, geht als Liebeszeugnis durch alle Lagen eures Lebens hindurch, die Mutter, an der Wiege ihres neugeborenen Kindes, weiß selbem nichts zu sagen, nichts zu deuten, aber ein Kuss drückt alles aus, was sie sagen will.
Der Kuss des Wiedersehens, des Abschieds, selbst noch am Scheideweg in eine andere Welt, ist der letzte sprachlose Ausdruck einer Seele, die der anderen nichts mehr sagen, nichts mehr deuten kann. Im Kuss vereinigt die Seele alles, will im Kuss alles geben und alles nehmen, was ihr die Umstände und Zeitverhältnisse erlauben; und erst der Kuss der Liebe, das Erkennen zweier Seelen, dass sie füreinander geschaffen sind, wer will diesen ersten Kuss beschreiben? Von euch Menschen niemand, aber geht hinüber ins Geisterreich, Meine Engel werden euch sagen können, dass dieser Kuss aus ihrer Heimat ist, nur dass er bei ihnen nie durch Sinnlichkeit entweiht oder missbraucht wird.
Ihr werdet diesen Kuss auch einst empfangen von denen, die vor euch hinübergingen, und dort geläutert und gereinigt euch mit Ungeduld erwarten; dort werdet auch ihr erst das Zusammenschmelzen in eins von zwei Seelen begreifen und fühlen lernen, wovon der Kuss nur ein schwaches Abbild ist, und auf Erden als einziges Symbol Meiner großen Liebe zu euch und allem Geschaffenen fortdauern wird, solange Geister in Materie eingekleidet sein werden.
Meine große göttliche Liebe, dir mit euch nicht in körperliche, sondern nur in geistige Berührung kommen kann, hat euch diesen Akt des Kusses zu instinktiver Anwendung gegeben, denn im Kuss heftet ihr bei den höchsten Momenten Lippe auf Lippe. Seht, Meine Kinder, die Lippe ist ein Hauptwerkzeug der Sprache, des Worts, der geistigen Mitteilung mittelst körperlicher Werkzeuge.
Wo nun die Lippe als Sprachwerkzeug verstummt, da leiht ihr die Liebe noch den letzten, den höchsten Ausdruck der Berührung des anderen Wesens, dem es sein ganzes Ich, seine ganze Seele geben oder in sie überschütten wollte; und so ist das Aufpressen der Lippe auf die fremde der Akt, wo körperliche Mitteilung ihr Ende hat, und die geistige ihren Anfang nimmt.
Der Kuss ist die Vereinigung zweier Seelen zu einem Ganzen, und dieses Zeichen der Liebe wird so lange bestehen, als Ich die Liebe Selbst in Person bin.
Wüsstet ihr, was Lieben heißt, auch der Kuss wäre noch zu wenig für euch; aber ihr begreift Meine Liebe nicht, wo die Berührung jedweder Gegenstände eine Entheiligung der Würde der Liebe ist.
Göttliche Liebe, dieses geistige, alles versöhnende, alles umfangende Band hat euch den Kuss zum Zeichen gegeben, dass ihr bei allen feierlichsten Augenblicken den Grenzstein erkennen sollt, wo zwei Welten sich trennen und doch wieder zusammenfließen.
Die Liebe, jene unbegrenzte, die Mein Ich ausmacht, und nach deren Ebenbild ihr und alle Wesen geschaffen seid, diese Liebe sollt ihr nicht allein in einzelnen Momenten des Kusses ausüben, ihr sollt nicht allein den Versöhnungs-, den Bruderkuss geben, nein, ihr sollt bleibend werden, was dieser Kuss, dieser Moment ausdrückt, ihr sollt werktätig stets den Mitmenschen, wie der Polyp, den festen Gegenstand als Stütze, fortwährend durch Liebesakte an euch festhalten, immer näher ziehen, und ihr werdet auch den Akt des Kusses mit all seinem weltlichen und geistigen Gefühl stets genießen, denn die Einigung mit euren Brüdern ist Einigung mit Mir.
Die Annäherung an seine Mitmenschen, die Versöhnung, Verzeihung ihrer Fehler ist das Luftaufsaugen der polypenartigen Lippen, ist Vergeistigung der materiellen, ist Vorgeschmack eurer künftigen Existenz, ist Eingang in Meine Himmel, ist der erste geistige Kuss Meines eigenen Ichs, das, würde es jetzt möglich sein, ihr nicht ertragen und fortleben könntet.
Deswegen, Meine Kinder, missbraucht den Kuss nicht zu sinnlichen Effekten oder gar zum Verrat, ihr schadet dadurch eurer und Meiner geistigen Natur, gebraucht diesen Akt nur in den höchsten Momenten, wo die Sprache zu arm ist, eurem Mitmenschen die Liebe auszudrücken, die ihr für ihn fühlt.
Der Kuss soll unter euch nur das Zeichen des Friedens, der Versöhnung und der Liebe sein.
Und so werdet auch ihr einst von den Geistern in Meinem Reich empfangen werden, wo dann der Schleier fallen wird, der euch von ihnen und von Mir trennt, und ihr nicht mehr genötigt sein werdet, durch Aufpressen der Lippen dem anderen zu sagen, Brüder, wir sind geistige Produkte, Produkte eines Vaters, Der nur Liebe ist, nur Liebe verbreitet, und nur Liebe erwidert haben will; gelobt und gepriesen sei Er, Der in solch kleinem Akt wie der Kuss so großen geistigen Genuss gelegt, der, wenngleich nur auf Augenblicke, den Menschen dem Weltlichen entrückt und ihn in die Nähe derer führt, die Kinder des Einen sind, Der auch nie aufhören wird, noch je aufgehört hat, uns zu dem zu machen, was ihr schon längst geworden seid. Amen!


Quelle: „Liebe, das Grundgesetz alles Lebens“, Neu-theosophische Schrift Nr. 38, Kundgabe v. 29. Oktober 1871


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