PREDIGTEN DES HERRN
- Originaltext nach der Erstausgabe von 1892 -
22.
Am dritten Sonntag nach Ostern
Die Vorbereitung auf den Heimgang des Herrn
Johannes 16,16-22: Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen, denn ich gehe zum Vater.
Da sprachen etliche unter seinen Jüngern untereinander: Was ist das, was er sagt zu uns: Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen, und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was ist das, was er sagt: Über ein Kleines? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Davon fragt ihr untereinander, dass ich gesagt habe: Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein; doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden. Ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit; denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist. Und ihr habt auch nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Empfangen am 10. März 1872
Die Vorbereitung der Jünger auf die sie zukommenden Ereignisse
In diesem Kapitel sowie in dem vorhergehenden gab Ich Meinen Jüngern einen Vorgeschmack wie es um sie stehen wird, wenn Ich sie dem Leib nach verlassen und sie nicht mehr unter Meinen sichtbaren Einfluss und Meiner persönlichen Leitung stehen werden.
Im 13. Kapitel Johannes verglich Ich Mich mit dem Weinstock und Meine Jünger mit den Reben, die nur solange sie am Weinstock haften Früchte tragen können, und zeigte ihnen in diesem Beispiel das Schicksal aller derjenigen die von Mir abfallen werden.
Ich sagte ihnen damals auch, dass nur diejenigen sündigen und für ihre Handlungen verantwortlich sind, die wissen was sie tun und glauben sollen und doch dagegen handeln, während die Unwissenden nicht strafbar sind. Ich stellte ihnen in Gleichnissen vor dass der, der an Mich glaubt nicht ein Knecht Meines Gesetzes sondern ein freiwilliger Ausüber desselben und also nicht willenlos Mir untertan ist, sondern Mir folgen soll wie ein Freund den Ratschlägen des Freundes folgt. Ich sagte ihnen auch, dass sie Meiner Lehre wegen mit der Welt in Konflikt geraten werden, und dass, während Ich sie lieben werde, die Welt sie hassen und verfolgen wird.
Ich gab ihnen aber nebenbei die Versicherung, dass, wenn Mein Geist sie überschatten wird, sie für die weltlichen Genüsse, die sich nach und nach vor ihnen verschließen, hinlänglichen Ersatz durch geistige Genüsse erhalten werden.
Dies alles musste Ich Meinen Jüngern voraussagen, denn sie hatten ja noch gar keinen Begriff, was und wie ihre Mission eigentlich sei; sie lebten noch zu sehr unter dem unmittelbaren Einfluss Meiner Persönlichkeit, und wenngleich sie jeder Zeit bekannten, wir wissen, dass Du von Gott gesandt bist, so hatten sie doch überhaupt keine rechte Idee von Meiner Sendung, weder von der Wichtigkeit Meines Kommens, noch eine entfernte Ahnung von der Art und Bedeutung Meines Gehens, denn sie waren Menschen und dachten menschlich. Deswegen sprach Ich öfters zu ihnen von Meinem Hingang um sie auf denselben vorzubereiten, und auch dieses Kapitel im Evangelium Johannes bespricht eben eine solche Vorbereitung Meiner Jünger auf die Ereignisse, die in kurzer Zeit eintreten sollten. Ich sprach zu ihnen von Meinem Hingang und Meinem Scheiden, und erklärte ihnen die Notwendigkeit desselben; doch waren Meine Worte ihnen noch ein Rätsel und sie missdeuteten selbe, weswegen Ich zu ihnen auch sprach: Ich hätte euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen oder verstehen, und so konnten sie auch nicht fassen, was Ich mit den Worten sagen wollte: Über ein Kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr Mich sehen, denn Ich gehe zum Vater.
Meine Jünger konnten nicht glauben, dass Ich als ein Gottgesandter gefangen und getötet werden könnte weil sie Mich Gefahren aller Art so oft ausweichen und Anschläge gegen Mein Leben vereiteln gesehen hatten.
Alles, was Ich zu ihnen von Meiner Erhöhung, von Meinem Hingang und Meiner Wiederkunft sprach war ihnen nicht fassbar, bis erst die harte Wirklichkeit sie nur zu sehr von der Wahrheit Meiner Worte überzeugte; und nach diesen Ereignissen erst verstanden sie, wer Ich, was die Welt, und was ihre Mission sei.
An Jesus festhalten auch in bitteren Stunden
Was Ich zur damaligen Zeit vom Reich Gottes, von der Wichtigkeit Meiner Lehre und deren Befolgung Meine Jünger lehrte und durch Beispiele erörterte wie es demjenigen ergeht, der sich von Mir und Meiner Lehre entfernt, alles dieses predige Ich schon seit Jahrhunderten sowie auch jetzt wieder durch tausend verschiedenartige Ereignisse und Sprachen der Welt, allen rufe Ich zu: Verlasst Mich nicht, ohne Mich ist kein Trost und kein Heil in der Welt, denn weg von Mir ist Finsternis!
Selig sind noch die, die nach einer kleinen Pause des Herumirrens Mich wieder zu Gesicht bekommen und ergreifen, wehe aber denen, die Mich ganz verlieren; sie gehen den Weg der Finsternis, den Weg der groben Materie, wo lange Läuterungsprozesse dazugehören um das einst Verlorene wiederzugewinnen und das einst mit Füßen Getretene wiederaufzunehmen und weiter zu vervollkommnen.
Ich sagte damals Meinen Jüngern, dass Ich sie verlassen werde, und zwar zuerst nur auf eine kurze Zeit, damit sie sich dadurch gewöhnen sollten, später Meine Person auf längere Zeit zu entbehren, aber Ich versprach und gab ihnen als Ersatz für den herben Verlust Meiner Persönlichkeit als Tröster den Geist Gottes. Und so ist es auch heutzutage wieder, wenn bei euch Meinen Kindern mitunter Zeiten eintreten wo die Welt und Ereignisse auf euch einstürmen und ihr Meine Hand nicht fühlt, Meine Stimme nicht hört, und die Welt euch für eure Ergebung höhnt, hasst und verfolgt, so denkt an Meine Worte: Über ein Kleines werdet ihr Mich wiedersehen, wiederfühlen, wiederhören durch die sanfte Stimme in eurer Brust die euch den inneren Frieden bringt, wiedererkennen in den verschiedenen Ereignissen in der Welt, und wiederfühlen in den Vorkommnissen in der Natur.
Wie es einst Meinen Jüngern erging und Ich es ihnen voraussagte, dass sie bittere Stunden des Schmerzes werden durchmachen müssen, so geht es jedem Gläubigen, der mehr an Mir als an der Welt hängt.
Meine Wiederkehr in eure hartgeprüften Herzen werdet ihr in der nach langen Kämpfen erlangten festen Überzeugung empfinden, dass, wenn auch Wolken die Sonne verfinstern, diese doch am Ende siegt und glorreich, überall Wohltaten verbreitend, wieder hervortreten wird. Dieses Bewusstsein wird euch die Bitterkeiten des Lebens versüßen und den Glauben und das Vertrauen an Mich immer mehr befestigen.
Der Kampf mit der Welt
Die Mission Meiner Jünger nach Meinem Hingang war eine zu ernste, als dass sie nicht auch im Ertragen des Herbsten zuvor geschult werden mussten, sie mussten sich vor allem an Meine Abwesenheit gewöhnen um selbständig auftreten zu können. Diesen Weg muss auch jeder gehen, der in Meine und Meiner Jünger Fußstapfen treten will.
Einst sagte Ich zu Meinen Jüngern: Die Welt wird euch hassen und verfolgen weil ihr nicht von der Welt seid, und das gleiche muss Ich Meinen jetzigen Kindern zurufen, denn je mehr sie Mich lieben, je mehr sie Mir folgen, desto mehr kommen sie in Widerspruch mit der Welt, mit der Denkungsart der Mehrzahl der Menschen, bis Ich auch diese durch verschiedene Ereignisse für etwas besseres empfänglich machen werde.
Der Hass der Welt wächst mit der Liebe zu Mir, daher nicht verzagt, wenn über ein Kleines ihr Mich nicht seht, denn über ein Kleines werdet ihr Mich wiedersehen. Ein Kind des Schöpfers der ganzen sicht- und unsichtbaren Schöpfung zu werden geht nicht so leicht, denn so man in geistiger Hinsicht fortschreiten will, muss man mit der Welt und den gewöhnlichen Alltagsmenschen immer mehr in Zwiespalt kommen.
Ich muss euch manchmal gleichsam verlassen damit ihr eure eigenen Kräfte erprobt, ob ihr auch das öffentlich und ohne Scheu zu bekennen fähig seid, was euch beim Lesen oder Hören Meiner Worte manchmal so sehr begeistert, es muss die Frage an euch herantreten inwieweit ihr Mich liebt, und inwieweit ihr euch vor der Welt noch fürchtet. Glaubt ja nicht, dass ihr einen so großen Heldenmut habt als es euch oft scheint.
Seht Meinen Apostel Petrus an, im Garten von Gethsemane verteidigte er Mich mit dem Schwert, und kurze Zeit danach verleugnete er Mich. Wenn ein Petrus so fehlen konnte, so könnt ihr euch denken, wie es in Momenten der Entscheidung mit eurem Mut aussehen wird. Daher müssen öfter solche Umstände kommen, die euch stärken und im Glauben an Mich befestigen; verleugnete Mich der, der Mich persönlich kannte, was kann man von euch erwarten, die ihr Mich nie gesehen habt, sondern Mich nur aus der sanften Stimme eures Herzens kennt.
Daher muss Ich euch noch öfter allein und mit den Umständen der Welt ringen lassen, damit ihr ermessen könnt was ihr euch schon als eigen errungen habt und was euch noch fehlt.
Gedenkt stets der Worte: Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist schwach; das sind gewichtige Worte und bezeichnen ganz die menschliche Natur. In den Momenten der Begeisterung glaubt man, einen Elefanten auf die Schulter nehmen zu können, aber wie stände es darum wenn man es wirklich tun sollte?
Selbstbeschau und Glaubensbefestigung
Daher forscht auch ihr emsig in eurem Herzen, wie viel der Liebe, wie viel ihr des Vertrauens zu Mir besitzt und festigt sie in euch, damit ihr, so ihr manchmal scheinbar Meine Abwesenheit fühlt, nicht gleich verzagt sondern getrost dem Widerkommen eures Vaters und Führers entgegenseht.
Habt ihr eure eigenen Schwächen erkannt, wisst ihr wie viel Liebe dazu gehört um praktisch zur Tat werden zu lassen, was euch im Gefühlsleben so leicht und angenehm zu tun vorkommt, dann erst kennt ihr den Weg, der zu Mir führt, ganz; dann werdet ihr verstehen lernen, wie einst auch Meine Jünger durch Meine Abwesenheit geschult werden mussten und wie viel dazu gehört, die Mission als Mensch, und im strengsten Sinn des Wortes als Mein Kind, zu erfüllen.
Dieses sage Ich euch allen zum Trost und zur Warnung, dass ihr euch nicht in träumerischer Verwegenheit vielleicht fähig glaubt, Lasten zu tragen denen ihr nicht gewachsen seid, ferner, damit in herben Umständen und Verhältnissen, bei scheinbarer Abwesenheit eures geistigen himmlischen Vaters, ihr euch dessen erinnern mögt was Er einst zu Seinen Jüngern sagte: Über ein Kleines werdet ihr Mich nicht sehen, und über ein Kleines werdet ihr Mich aber wieder sehen. Amen.