PREDIGTEN DES HERRN
- Originaltext nach der Erstausgabe von 1892 -
52.
Am sechsundzwanzigsten Sonntag nach Pfingsten
Die Gleichnisse vom Himmelreich
Matthäus 13,31-33+44-50: Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und säte es auf seinen Acker; welches ist das kleinste unter allem Samen; wenn er erwächst, so ist es das größte unter dem Kohl und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen unter seinen Zweigen. Ein anderes Gleichnis redete er zu ihnen: Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig, den ein Weib nahm und unter drei Scheffel Mehl vermengte, bis es ganz durchsäuert ward. -
Abermals ist gleich das Himmelreich einem verborgenem Schatz im Acker, welchen ein Mensch fand und verbarg ihn und ging hin vor Freuden über denselben und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Abermals ist gleich das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie. Abermals ist gleich das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist, womit man allerlei Gattung fängt. Wenn es aber voll ist, so ziehen sie es heraus an das Ufer, sitzen und lesen die guten in ein Gefäß zusammen; aber die faulen werfen sie weg. So wird es auch am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein.
Empfangen am 3. Mai 1872
Über den Zweck der Gleichnisse
In Meinen Gleichnissen verglich Ich das Himmelreich mit verschiedenen Dingen um Meinen Jüngern und dem um Mich versammelten Volk begreiflich zu machen, was sie unter Himmel und was unter Meinem Himmel-Reich zu verstehen hätten und wie sie dessen teilhaftig werden können.
Vom Himmelreich und der geistigen Welt hatten und haben die Menschen stets die verschiedensten Ansichten, doch selten den wahren Begriff; denn hätten sie diesen, so würden sie gewiss auch alles aufbieten es zu gewinnen, und würden nicht so leichtsinnig, wie es auch heutzutage geschieht, es verscherzen, und sich desselben unwürdig machen.
Es ist wahr, die sicht- und tastbare Welt, die auch noch mit den anderen Leibessinnen wahrgenommen werden kann, hat für den Menschen bei weitem mehr Beweisendes an sich als eine geistige Kraft, die er nicht sehen, nicht greifen noch abwägen kann; deswegen auch der größere Einfluss der materiellen Welt auf ihn im Vergleich zur geistigen Welt; würde er jedoch die materielle Welt recht begreifen und beurteilen wie sie eigentlich ist, woraus sie besteht, wie sie erhalten wird und zu welchem Zweck sie da ist, so würde er aus diesem großen, lebendigen Buch so manches herauslesen was ihm die Tür zur geistigen Welt öffnen könnte. Denn wenn man eine Maschine betrachtet und deren Einrichtung begreifen gelernt hat, so wird man gewiss anerkennen müssen, dass jemand dieselbe gemacht hat, und wird auch vor dem, der sie erbaut hat, immer mehr Achtung bekommen, je mehr man in den inneren Zusammenhang ihrer Teile Einsicht bekommt; man wird selbe keinem Zufall sondern dem wohlberechnenden Verstand des Erbauers zuschreiben, der alles so und nicht anders geordnet hat.
Auch mit Meiner Natur sollte man es so machen. Leider sucht fast jeder Forscher oder Entdecker auf naturwissenschaftlichem Gebiet alles so für seine materiellen Zwecke zu erklären, dass statt einen Gott und Schöpfer als Urheber in der kunstvollen Maschine der Natur anzuerkennen, sie Denselben in ihrem Hochmut und ihrer Blindheit ganz leugnen, und sich selbst an Seine Stelle setzen möchten. Findet da auch der Eine oder der Andere Spuren einer höheren geistigen Macht, deren Wirkung sich durch die Eigenschaften der schon längst bekannten Elemente nicht erklären lässt, so gibt er sich alle Mühe auf weiten Umwegen und mit gelehrt sein sollenden Worten eben das wegzuleugnen, was so nahe vor ihm liegt und das Auffallende nach seinem Gutdünken zu erklären, weil er keinen Gott anerkennen will.
Diese falsche Auffassung der Natur ist schuld, dass gerade das größte Buch, das vor den Augen der Menschheit offen daliegt, irre führt, wo eigentlich jedermann daraus lesen könnte und sollte, erstens was Ich alles tue, um Meinen Geschöpfen Meine Liebe begreiflich zu machen, und zweitens wie kurz der Weg zu Mir wäre, wenn die Menschen den Gesetzen der Natur, die ja auch Meine göttlichen Gesetze sind, folgten und sich nicht durch Missachtung der sichtbaren materiellen Welt die ewige, geistige, unsichtbare verscherzen würden.
In jener Zeit, wo Ich diese Gleichnisse dem Volk gab, damit sie dieselben geistig verdauen und so deren Sinn sich zu eigen machen sollten, musste Ich alle wissenschaftlichen Vergleiche vermeiden und Mich nur solcher bedienen die im praktischen Leben vorkamen, und folglich von ihnen leicht verstanden werden konnten.
Die Erklärung der Gleichnisse
Das Gleichnis vom Senfkörnlein bezeugt, dass Ich einen Vergleich machte mit einem dem Volk wohlbekannten Samen und der daraus entstehenden Pflanze, womit Ich ihnen andeuten wollte, dass, wie in diesem kleinen Samen geistig eine so große Pflanze eingeschlossen ist, ebenso im menschlichen Herzen das ganze Himmel- oder geistige Reich verborgen ruht. Es braucht nur, wie beim Samen die Feuchtigkeit, Luft und Wärme, so im menschlichen Herzen die allmächtige Liebe als geistiger Wecker hinzuzukommen um diesen Keim göttlicher Abkunft zu entwickeln, dessen Entwicklung dann in solchem Maß fortschreiten kann, dass, wie das Evangelium sagt, selbst die Vögel unter dem Himmel kommen und unter dessen Zweigen Wohnung nehmen.
Dies will geistig so viel sagen, dass selbst die Engel, diese leichten, seligen Bewohner der geistigen Sphären, an solchem Himmel und seinem Gedeihen Anteil nehmen, der von einem gottbegeisterten Herzen ausgeht und Liebe, Friede und Freude überall umher verbreitet. Ich wollte mit diesem Gleichnis von einem kleinen Samenkörnchen und dessen Entwicklung beweisen wie unendlich die Kraft des göttlichen Worts als Samenkorn ist, wenn es auf guten Boden fallend Gelegenheit zu seiner Entwicklung findet.
Das weitere Gleichnis, wo das Himmelreich mit einem Sauerteig verglichen wird, stellt den geistigen Prozess dar, der in einem menschlichen Herzen vor sich geht sobald dasselbe das göttliche Wort in sich aufgenommen hat. So wie ein Stückchen Sauerteig bei genügender Wärme und Feuchtigkeit das ganze Mehl, dem es zugesetzt wurde, in Gärung bringt, so ruft auch das göttliche Wort, wenn es mit Liebeswärme in das Herz aufgenommen und durch gute Taten angefeuchtet wird, darin bald einen Umwandlungsprozess der materiellen Gesinnungen zum Geistigen hervor, der die ganze Seele und schließlich auch den ganzen Körper des Menschen durchsetzt.
Weiter ist ein Gleichnis gewählt von einem Menschen, der einen verborgenen Schatz in einem Acker fand, ihn aber wieder verbarg und nun alles verkaufte was er besaß, um Eigentümer dieses Ackers und somit auch des Schatzes zu werden. Dies will so viel sagen als: Wer einmal erkannt hat, welche Freuden und Genüsse von nie geahnter Seligkeit aus der Aufnahme des göttlichen Worts und dessen Befolgung erwachsen, der lässt alles Andere hinter sich und folgt nur diesem Trieb, immer mehr göttliches Licht in sich aufzunehmen um diese geistigen Genüsse ja nicht mehr entbehren zu müssen, ebenso wie der Kaufmann, der gute Perlen suchte und einer köstlichen Perle zuliebe alles opferte, um sich in deren Besitz zu setzen.
Diese sämtlichen Gleichnisse sind Bilder vom Himmelreich, wovon das erste die großartige Entwicklung zeigt, wenn es einmal im Menschenherzen Wurzel gefasst hat, das zweite den Kampf, den es zwischen Welt und Himmel oder Materie und Geist hervorruft, und das dritte, welchen Wert das Gewinnen dieses Schatzes und der daran hängenden Ruhe und Seligkeit hat, mit dem nichts Irdisches sich messen oder mit ihm in die Schranken treten kann.
Ich verglich ferner das Himmelreich mit einem Netz, das ins Meer geworfen, allerlei Fische in sich aufnimmt. Erst wenn das Netz voll geworden ist, wird es ans Ufer gezogen und die darin enthaltenen Fische werden gesichtet; die brauchbaren werden in Gefäße gebracht, die unbrauchbaren aber weggeworfen.
Dieses Gleichnis besagt, dass das göttliche Wort allen gelehrt wird, Guten und Bösen, Starken und Schwachen, denn das Netz umfasst sie alle, sowie dass eine Sichtung erst am Ende stattfinden wird zwischen denen, die das Wort in sich geistig aufgenommen und danach gehandelt haben, und denen, die es unbeachtet gelassen haben.
Dies sollte Meinen Zuhörern in jener Zeit wie auch zu allen Zeiten begreiflich machen, dass es nicht gerade in ihrem Ermessen steht Mein Wort anzunehmen oder nicht, sondern dass über kurz oder lang doch Umstände eintreten können und müssen, die sie veranlassen, ihrem freien Willen eine bessere Richtung zu geben.
Ich schilderte ihnen die Folgen der Nichtbeachtung Meiner Lehre mit dem ins Feuer geworfen zu werden, wo Heulen und Zähneklappern sein wird, was so viel besagen will als dass diejenigen, die Mein Wort zur Zeit, wo sie Gelegenheit haben es zu hören, nicht beachten, später in ihrem Herzen peinigende Vorwürfe darüber empfinden werden.
Ich sagte ihnen dies um ihnen begreiflich zu machen, dass das, was ein Gott will, auch einen Zweck hat, der aber nicht durch die Halsstörrigkeit Einzelner vereitelt werden darf und auch nicht kann.
Dass wahrlich solche und ähnliche Reden unter dem Volk Aufsehen erregten ist klar, besonders da ihnen ihre Priester und Gelehrten den Weg zur Seligkeit und das nach ihren Begriffen rechtliche Handeln sehr leicht und bequem machten, wenn sie große materielle Opfer bringen könnten, während Ich ihnen zwar die nämlichen Seligkeiten versprach, aber die Erlangung derselben ihnen als nicht gar so leicht darstellte, und sie vor den Folgen der Übertretung der einmal gegebenen Gesetze warnte.
Viele entsetzten sich über Meine Sprache, viele ärgerten sich daran und missachteten Meine Worte, besonders die, die Meine irdischen Lebensverhältnisse kannten, was Mich zu dem Ausspruch veranlasste, dass ein Prophet immer im Heimatsland am wenigsten gilt, welcher Ausspruch sich auch noch heutzutage in Tausenden von Fällen bewahrheitet.
Die Welt ist noch immer dieselbe wie sie damals zur Zeit Meines Erdenwandels war. Dort predigte Ich oft tausenden Ohren, und jetzt ist die Taubheit und Unwissenheit in geistigen Dingen Mode geworden und es wird jeder, der an Mein geistiges Reich glaubt, als ein ungebildeter oder wenigstens geistig beschränkter Mensch betrachtet. Man schämt sich der geistigen Taubheit nicht mehr, sondern trägt sie offen zur Schau und legt noch ein großes Gewicht darauf, recht stocktaub zu sein und fordert Mich gleichsam zum Wettkampf heraus, ihnen das Gegenteil ihrer Behauptungen zu beweisen, wenn Ich dazu imstande sei.
Nun, diesen sogenannten „starken“ Geistern setze Ich Meine unendlich große Langmut entgegen, und am Ende werden wir schon sehen ob sich nicht ein Mittel finden lässt, auch ihre Taubheit zu heilen. Den Übrigen, die an Zahl weit kleiner sind, die Mein Himmelreich suchen, diesen lasse Ich ein Senfkörnlein Meiner Liebe zukommen, damit es in ihrem Herzen Wurzel fassen und wachsen möge, und dann gleich einem Sauerteig einen Kampf oder Gärungsprozess veranlasse und es sich dann zeige ob sie fähig sind, den verborgenen Schatz in ihrem Herzen zu erkennen und alles andere dafür hinzugeben um diesen Schatz allein zu besitzen.
Auf diese Art scheide Ich die brauchbaren Fische von den unbrauchbaren, und es gelangen diejenigen zur Seligkeit, die Mein Wort beachtet haben, während jene, die das nicht getan haben oder bei denen es keine Früchte trug oder keine Wirkung zum Bessern erregte, erst nach langem Herumtappen im Finsteren einst zur Erkenntnis gelangen werden, dass es doch göttliche Gesetze gibt, denen man ungestraft nicht trotzen darf.
Sich durch die Liebe das Himmelreich erwerben
Um die Menschen im Allgemeinen zu dieser Ansicht zu bringen, sind schon längst alle Vorbereitungen getroffen, damit es ihnen nicht an Gelegenheit fehle, auch den kleinsten Funken ihres besseren Ichs in Tätigkeit zu erhalten.
Schon längere Zeit gehen alle Weltereignisse darauf hinaus wie auch die Schicksale der einzelnen Menschen dort den Boden zuzubereiten, wo Mein Wort noch keinen oder nur wenig Eingang gefunden hat, damit es am Ende doch auch aufgenommen werde und als Senfkörnlein seine allmächtige Entwicklung beginne.
An euch habt ihr es selbst schon genügsam erfahren wie, wann und womit Ich die Menschen zu wecken verstehe, ihr selbst kennt also Meine Mittel. Es ist wahr, sie waren und sind nicht immer die angenehmsten, aber Ich als der allein wahre Seelenarzt wusste und weiß es am Besten welcher Reizmittel es bedarf, um solche Seelen aus ihrem Weltschlaf zu erwecken. Ich habe euch geweckt und euren Herzensacker gepflügt, und habe dann in selben das Senfkörnlein der Liebe durch Mitteilungen Meines Worts gelegt, und wenngleich der Pflug oft erst tiefe Furchen aufreißen und euch große Schmerzen bereiten musste, so habt ihr doch einsehen gelernt, dass Ich euch für das was Ich euch genommen, hinreichend entschädigt habe.
So war bei euch der Gärungsprozess eingeleitet, und ihr habt dann endlich den Wert des verborgenen Schatzes in eurem Inneren selbst erkannt und für die kostbare Perle alles andere hingegeben, und habt auch die brauchbaren Fische in Meinem Netz vermehrt, indem ihr durch euer Beispiel manchen schon vom geistigen Verderben gerettet und ihnen den Weg zu Mir bedeutend verkürzt und erleichtert habt.
Fahrt daher fort, das Senfkörnlein der Liebe in eurem Herzen zu pflegen, denn das Himmelreich liegt in euch und nicht außer euch, wie Ich es einst schon Meinen Zuhörern sagte, und ihr könnt es überall finden, wenn ihr es in euch [dorthin] mitbringt. Durch euer Inneres wird alles vergeistigt werden, wenn das Innerste eures Herzens nur Geist ist.
Lasst nicht ab fortzuschreiten, denn mit dem Fortschreiten in der Liebe wachsen die geistigen Genüsse, und mit dem Fortschreiten in der Lehre wächst eure Erkenntnis, damit ihr ausreifen mögt für die große, ewige, geistige Welt, wo das irdische Denken und Handeln als Grundlage dient, und wo ihr Mir dann die euch für dieses Erdenleben anvertrauten Pfunde mit reichlichen Zinsen zurückgeben könnt.
Bereitet euch vor und fürchtet euch nicht. Wer auf Mich vertraut und bei Mir bleibt, der wird auch bei allen Schrecknissen, die vielleicht über diese Erde hereinbrechen werden, nicht verzagen, denn er weiß, dass es der liebevollste Vater ist, Der zum Wohl der Menschen den Sauerteig in ihre Herzen gelegt hat, damit der große Gärungsprozess, der zur Ausreifung und Vergeistigung derselben nötig ist, beginne; er weiß, dass es der liebevollste Vater ist, Der Sein großes Netz ausgeworfen und damit die Guten wie die Bösen gefangen hat um sie zu sichten, aber er weiß auch, dass der Gute doch stets nur Gutes, ja Besseres erhoffen darf.
Seid ihr im Besitz der Perle der Liebe und des Vertrauens, so bewahrt diesen Schatz bis zu eurer Umwandlung, wo Ich dann in einer anderen Welt und unter anderen Verhältnissen euren auf dieser Erde erworbenen Schatz mit einem noch größeren und kostbareren vertauschen werde, der als neues Senfkörnlein für das geistige Reich euch zur weiteres Vervollkommnung dienen wird, und die Schar der Engel werden dann mit euch Mir voll Liebe und Vertrauen einen Lobgesang darbringen. Amen.
Weiteres hierzu s.a. Lebensgeheimnisse, Kap. 17, V. 27-41 sowie Schöpfungsgeheimnisse, Kap. 17, V. 44-48